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Tagebuch

 


03. Januar 2015
Schabat - 12. Tewet 5775 - das Herz auf dem rechten Fleck

"Neige mein Herz zu Deinen Geboten und nicht zu unrechtem Gewinn!" (Psalm 119,36, Eigenübersetzung, Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine)

הט-לבי אל-עדותיך ואל אל-בצע

hat-libi el-edoteicha weal el-batza

Kurz vor der Halbzeit meiner "Banklehre" in Jerusalem, habe ich mir Gedanken zur "Enneagramm-5" gemacht, als die ich mich gelernt habe zu verstehen. Das Enneagramm stammt aus dem Sufismus, einer spirituellen Bewegung des Islam. Zu einer gewissen Zeit hat mich diese Lehre, die während Jahrhunderten nur mündlich tradiert wurde, stark beschäftigt. Ich konnte auch meine Frau dafür interessieren. Obwohl eigentlich verboten, machten wir uns einen Sport daraus, Leute als bestimmten Typus zu klassifizieren, so auch einen meiner Schwäger, bei dem ich Wein zu trinken gelernt habe.

Die übersinnliche Welt hatte mich schon seit Langem fasziniert, auch zu der Zeit, als ich Verwaltungsdirektor in einem Diakoniewerk war. Der Bruder meiner Frau, seines Zeichens Bankdirektor und Vorsitzender des Vorstandsausschusses, hatte mich in diesem Gremium als Verwaltungsdirektor beliebt gemacht, nachdem der bisherige Amtsinhaber in argen Führungsproblemen steckte und mit einem Herzinfarkt ausgefallen war. Selber konnte und wollte er verständlicherweise dieses Amt nicht übernehmen, hätte er doch zuviel Prestige und Einkommen eingebüsst. Obwohl mir eigentlich die nötige Führungserfahrung für ein solches Amt gefehlt hatte, ging ich nur zu gern auf die sich mir bietende Gelegenheit ein. Das war eindeutig verpönte "Vitamin B". Eigentlich wusste ich darum, gestand es mir aber aus Ehrgeiz selber nicht ein. Viel später wurden mir die Zusammenhänge klar.

Nun stehe ich in einer analogen Situation, lediglich mit umgekehrten Vorzeichen. Ich muss meinem zweiten Sohn klar machen, dass JAHWEH ihn als meinen Nachfolger berufen hat. Nach einer Woche Sportferien in den Alpen, zusammen mit einer Berlinerin, die er in Amerika kennen gelernt hat, fliegt er morgen zurück nach Hamburg, wo er als Selbstänigerwerbender in der Filmbranche seinen Lebensunterhalt verdient.

Wenn ich in letzter Zeit von rechts und links in der Politik sprach löste ich bei meinem Sohn jeweils einen Sturm der Entrüstung aus.

Im Vertrauen auf JAHWEH hoffe ich, in möglichst entspannter Atmosphäre, über die Runden zu kommen.


Das Gespräch mit meinen beiden Söhnen nach dem Nachtessen entwickelt sich nicht, wie von mir geplant. Es droht zu eskalieren, weil sie sich verbieten, sich von mir etwas sagen zu lassen. Ich habe die Aufklärung meiner Nachkommen in deren Jugendzeit verpasst.

Zurück in meinem Arbeitszimmer plane ich die Fortsetzung meines Tagebucheintrags. Plötzlich gibt der "Esel" meines erstgebornen Sohns, den ich seit der "Entschlummerung" des meinigen benütze, ein deutlich vernehmbares Geräusch von sich. Es tönt wie das Einklicken einer Kassette oder etwas Ähnliches. Äußerlich lässt sich nichts feststellen. Dann kommt mir das Bild des weggespült Werdens in der Psychiatrie vor Augen. Aha! Ein weiterer Paradigmenwechsel. Wir befinden uns nun auf dem aufsteigenden Ast. Meine Hoffnung ist, diesmal nicht von der Sonne aufgesogen zu werden, sondern in die Ewigkeit hinüberzugleiten. Ich möchte dringend dem Reinkarnationskreislauf entrinnen.

 
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